Interview mit der amerikanischen Boulderlegende John Gill

John Gill einarmige Hangwaage

John Gill einarmige Hangwaage

Die Boulderlegende John Gill aus den USA hat sich bereit erklärt, ein Interview mit uns zu machen. John ist durch seine eindrucksvollen Kraftleistungen bekannt geworden, zum Beispiel der einarmigen Hangwaage (siehe Bild). Manche nennen ihn auch den “Erfinder des Boulderns”, und zumindest für die USA scheint das so zu stimmen. Jeder der klettert hat ihm auch eines zu verdanken: die Nutzung von Chalk beim Klettern, das war seine Idee. Wer mehr über John´s Biografie wissen möchte, kann sich auf folgenden Seiten einen guten Eindruck verschaffen

John Gill

John Gill

John, vielen Dank für Deine Bereitschaft, dieses Interview zu führen. Kannst Du Dich bitte zunächst kurz vorstellen und Deine Verbindung und Beiträge zum Bouldern und Klettern darstellen?

Ich habe 1955 mit dem Bouldern angefangen, an den Stone Mountains in Georgia, USA. Damals wusste ich noch nicht, dass das was ich machte “Bouldern” heißt.
Meine Beiträge zum Bouldern umfassen die Benutzung von Chalk beim Sportklettern, und die Einführung von kontrollierten dynamischen Bewegungen als sinnvolle Technik beim Bouldern. [Vgl. Wikipediaartikel]

 

Hättest Du etwas anders gemacht, wenn Du damals das Wissen von heute über das Bouldern gehabt hättest?

Hätte ich damals das heutige Wissen gehabt, wäre es wohl kein großes Abenteuer gewesen, alles zu entdecken, oder?

“The past is a foreign country; they do things differently there…” (The Go-Between, by L.P. Hartley) [“Die Vergangenheit ist ein fremdes Land; sie machen die Dinge dort anders…”]

Eine unmöglich zu beantwortende Frage.

 

Was hat Bouldern für Dich bedeutet? Wie groß war die Rolle, die Bouldern in Deinem Leben gespielt hat?

Klettern und Bouldern war für mich immer eine Nebenbeschäftigung, nie eine Sache, die mein Leben bestimmt hat. Ich habe immer für einen Ausgleich zwischen Familie, meiner professionellen Karriere als Mathematikprofessor und Klettern/Bouldern/Körpergewichtsübungen gesorgt.

 

Du boulderst also nicht nur. Gab es etwas, das Dir Bouldern geben konnte, was Du nicht im Turnen und den anderen Aktivitäten gefunden hast?

Ich habe das Entdecken [von Neuem] beim Klettern und Bouldern geliebt. Die Freiheit von störender Ausrüstung beim Bouldern habe ich immer besonders genossen.

In der Zeit von 1954-2007 bin ich längere, “verworrenere” Routen [“obscure routes”] solo begangen. Mich faszinierte die durchgängige Bewegung am Fels in mittelschweren Routen. Dabei erfreute ich mich an dem Gefühl des Flows.

Der intensive Konkurrenzkampf beim Bouldern mit Gleichgesinnten, aber auch der Aspekt des Boulderns als eine Form von bewegter Meditation haben mir Spaß gemacht.

Ich habe gerne mittelschwere Probleme geübt, bis ich am Ende den Fels “hochgleiten” konnte (zumindest fühlte es sich so an!).

 

Wenn man die Art, wie Du Deine sportlichen Aktivitäten betrieben hast als Grundlage nimmt, dann scheinst Du ein sehr ambitionierter und intensiver Mensch zu sein, der Dinge gerne weiter entwickelt. Hast Du diese Einstellung auch bei Deiner Arbeit (als Mathematikprofessor)?

Im Gegenteil, mir wurde vorgeworfen, dass ich viel zu entspannt bin, um die Dinge zu schaffen, die ich gemacht habe. Ich bin nicht ambitioniert, verglichen mit dem schier endlosen Antrieb und der Energie eines Leighton Cors oder Daniel Woods.

Ich kann mich sehr stark auf eine Sache konzentrieren, und mich danach ausgiebig entspannen.

In meinem Fach der Mathematik habe ich einige Themen aus dem Bereich der Komplexen Analysis, Konvergenztheorie der analytischen Kettenbrüche und der allgemeinen Theorie unendlicher Zusammensetzungen analytischer Funktionen bearbeitet. Ich zauber immer mal eine Theorie über diese Themen aus dem Hut, als Hobby. Die Ergebnisse veröffentliche ich nicht in Fachzeitschriften, sondern auf meiner Internetseite.

 

Gefällt Dir der Weg, den Bouldern zur Zeit nimmt? Welche Veränderungen stellst Du fest? In welche Richtung sollte sich Bouldern Deiner Meinung nach entwickeln?

Der Sport gehört der jungen Generation – das tut er immer – und die Erlebnisse die ich hatte, waren dahingehend wahrscheinlich auch einmalig. Ich würde mich nicht darauf versteigen, hochtrabend über die Richtung des Boulderns heute zu reden. Das steht mir nicht zu.

Auf der anderen Seite sind heute so viele Leute im Bouldern aktiv, dass es für mich nicht mehr interessant wäre, wenn ich noch einmal jung wäre. Mir hat die Anfangsphase gefallen, und ich würde mich heute neu umschauen um eine Aktivität zu finden, die darauf wartet, weiterentwickelt und erforscht zu werden.

 

In welchen Bereich des Sports oder anderer Aktivität würdest Du heute Deine Energie stecken?

Das weiß ich wirklich nicht. Die heutige Welt ist so grundlegend verschieden zu der Welt vor mehr als einem halben Jahrhundert, dass man in der existierenden Gesellschaft aufwachsen muss, um solche Entscheidungen zu treffen. Mich reizt nichts wirklich, aber vielleicht liegt das nur daran, dass ich alt bin und mir die Energie fehlt.

 

Apropos Energie: Wie viel Zeit und Energie hast Du zu Deinen besten Zeiten in Bouldern investiert? Verglichen mit Deinen anderen sportlichen Aktivitäten? Wie viel machst Du heute noch?

Während der Sommer bin ich alle paar Tage gebouldert, gemischt mit längeren Kletterrouten. Ich habe ganz selten jemals mehr als ein paar Stunden an einem einzigen Problem verbracht – es gab so viel anderes, das darauf wartete, gemacht zu werden!

John Gill bouldert

John Gill bouldert

Diese Einstellung hat sich mit Jim Holloway und anderen in den 70ern geändert. Es wurde Mode und auch notwendig, an schweren Problemen lange Zeit zu arbeiten, und das über mehrere Tage. Ich habe diesen Ansatz ein paar mal ausprobiert, aber es hat mich nicht gereizt, und ich wurde ja auch älter.

Den Rest des Jahres bin ich abhängig von meinem Wohnort ein bis zweimal in der Woche bouldern gegangen. Ich habe mit schwerem Bouldern dann 1987 nach einer Armverletzung aufgehört. Damals war ich 50. Ich habe dann weiterhin an kleinen Felsen und mit free-solos herum gespielt, bis vor ein paar Jahren, als ich wegen Schulterarthrose aufgehört habe (wahrscheinlich hervorgerufen durch das Training an den Ringen mit 82 kg). Ich mache immer noch gemäßigte Übungen mit meinem Körpergewicht und bin glücklich damit. Das Klettern vermisse ich nicht.

 

Wie hast Du für das Bouldern trainiert? Welche Ratschläge würdest Du einem jungen ambitionierten Boulderer geben, um besser zu werden?

Ich habe von 1954 bis 1967 geturnt (Ringe und Seil), ergänzt von anderen Übungen mit meinem Körpergewicht, die ich bis heute mache. Das war zu der damaligen Zeit angemessen, jedoch nicht für moderne Kletterer, die ausgereiftere und spezifische Trainingsformen für das Sportklettern zur Verfügung haben.

Mein Rat: Beiss Dich nicht so sehr ins Bouldern fest, dass es Dein Leben kontrolliert. Strebe nach einem ausgeglichenen Leben. Ich war immer ein Amateur, nie ein Profi.

 

Mir scheint es manchmal so, dass allen trainingswissenschaftlichen Fortschritten zum Trotz die Leistungen im Bereich “reine Kraft” nicht viel über die damaligen Leistungen hinaus gehen. Auf Deiner Homepage [www.johngill.net] beschreibst Du historische Kraftleistungen (hauptsächlich mit dem eigenen Körpergewicht). Diese erscheinen selbst für heutige Standards unglaublich. Scheinbar hat all die “Wissenschaft” beim Krafttraining nicht viel für die Verbesserung dieser Kraftleistungen getan, oder?

Die Verbesserung steht in direkter Verbindung mit der Anzahl der Sportler. Je mehr Individuen auf der rechten Seite der Normalverteilungskurve liegen, desto schneller der Fortschritt. Normalerweise. Kraftakrobatik mit dem eigenen Körpergewicht [KeKG] war lange auf den Bereich (Ausdrucks-)Zirkus beschränkt, und wenn man die Artisten im Cirque de Soleil sieht, ist das sehr aufschlussreich: diese Leute sind fantastisch!

Dazu kommt, dass KeKGs in der Vergangenheit eher drahtige kleine Männer angesprochen hat, nicht die großen schweren. Männer neigen dazu, ihren Status eher durch das Heben extremer Gewichte zu definieren, als an Stangen zu hängen. Ausnahme sind da Turner, die in den letzten 50 Jahren zunehmend kleiner wurden. In den 50ern war der beste amerikanische Turner John Beckner, mit 1,86 m und 77 kg. Der aktuelle amerikanische Champion ist 1,62 m.! Wenn es zu so einer Entwicklung kommt, dann fangen immer weniger Sportler mit der Sportart an, und der “Fortschritt” der Schwierigkeit ist irgendwo eine Illusion, denn es ist für einen kleinen Menschen deutlich einfacher, schwere Kraftakrobatik zu machen. Die Hangwaage hatte früher die Schwierigkeit “B” (Auf einer Skala von “A” [einfach] bis “C” [schwer]. Heute gilt es als Schwierigkeit “A” auf einer Skala von “A” bis “E”. Kann man ernsthaft behaupten, dass Turner so viel besser geworden sind, oder sind sie nur kleiner geworden und das Bewertungssystem hat sich verschoben?

 

Wo wir von Bewertungssystemen sprechen, ich würde gerne Deine Sicht der viel diskutierten Bewertung von Bouldern und Kletterrouten hören. Du hast ja eine eigene Bewertungsskala entwickelt. Vielleicht kannst Du es kurz erklären?

Es gibt eine gute Beschreibung meines “B-Systems” auf der englischen Wikipediaseite, unter “bouldering grades”.

In den 50er Jahren war “B1” der Standard im traditionellen (nicht Sport-)Klettern. Ungefähr 5.9 oder 5.10. “B2” war schwerer, “Boulderklasse”. Als “B3” wurden Probleme bezeichnet, die trotz mehrerer Versuche nur einmal geschafft wurden.

Mein Ziel war es, damit Kletterer zum Bouldern zu locken,
indem ich die menschliche Natur mit ihrer Faszination mit Wettkampfgedanken und Vergleichen ausnutze, und gleichzeitig eine Fokussierung auf Schwierigkeitsgrade verhindere. Das hätte in gewisser Weise den Charm und das Abenteuer des Entdeckens beim Bouldern mit einem Wettkampf der Zahlen ersetzt.

An dieser Stelle habe ich versagt, die menschliche Natur ist einem anderen Weg gegangen!

 

Gibt es etwas, was unsere Leser noch wissen sollten? Z.B. Informationen, die Du auf Deiner Homepage anbietest?

Es gibt auf meiner Seite recht viele Informationen über die Entstehung und die Geschichte des Sportkletterns und des Boulderns. Ebenso einen guten Abschnitt [stimmt!] über hängende Körpergewichts-Akrobatik (was mir persönlich immer wichtiger war als Bouldererfolge). Man kann dort einige Bücher kaufen, die aus der Seite entstanden sind. Da die Seite wahrscheinlich verschwinden wird, wenn meine Zeit abläuft, schaut auf www.blurb.com

John, vielen Dank – für Deine Inspiration und Deine Offenheit, das Interview mit uns zu machen. Ich bin sicher, dass Deine Aktivitäten für den Bouldersport dafür sorgen werden, dass Du noch lange Zeit in guter Erinnerung bleiben wirst!

Anmerkung: Wer das Interview auf Englisch lesen möchte, kann die Originalversion hier als pdf herunterladen. Wenn Du hier einen Kommentar für John hinterlassen möchtest, nur zu, sehr gerne. Ich würde diese dann an ihn weiterleiten (ggf. übersetzt).

Category: Bouldern, Interview, Klettertechnik, Motivation, Tipps

Comments (3)

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  1. Beyond Bouldern | 14. August 2013
  2. Bouldern… oder auf der Suche nach dem Flow | Beyond Bouldern | 14. August 2013
  1. Bianka says:

    Wow, das ist ein tolles Interview! Ein wirklich beeindruckender Mann!

    “Boulderns als eine Form von bewegter Meditation” – seh ich auch so und das ist es, was mich am Bouldern (und auch am Klettern) von Anfang an so fasziniert hat und immer wieder auf’s Neue fasziniert!

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