Sinn und Unsinn von Schwierigkeitsgraden

Welchen Sinn machen Schwierigkeitsbewertungen von Routen und Bouldern? Diese Diskussion ist letztens bei ein paar Bierchen wieder einmal aufgeflammt.

Dabei ging es um die Bewertung der Boulder in unserer Lieblingsboulderhalle. Zur Erklärung: Früher gab´s fünf Schwierigkeiten (weiß, gelb, grün, blau, rot und schwarz). Und es wurde immer diskutiert: “Hey Mike! Dieser Boulder ist niemals grün (oder wahlweise weiß, gelb, blau, rot), der ist viel schwerer/leichter!”. Oder auch: “Ist Dir das rote/schwarze Tape ausgegangen?”

Irgendwann war der Cheffe so genervt von den vielen angebrochenen Taperollen (und von der Diskussion, glaube ich), dass er zwei Farben ersatzlos gestrichen hat. Fortan gibt es nur noch gelbe, blaue und rote Boulder. Und es wird diskutiert: “Hey Mike! Dieser Boulder ist niemals gelb/blau/weiß, der ist viel schwerer/leichter!”……….

Meine etwas pragmatische Lösung für dieses “Problem”: keine Bewertung mehr! Das klappt auf den vielen Boulderveranstaltungen (Hardmoves, Soulmoves, Bouldernacht etc.) hervorragend. Man versucht sein Glück, und merkt recht schnell, ob eine reelle Chance besteht oder nicht. Vielleicht nur noch einsteigerfreundliche Boulder, die markiert sind – diese müssen dann aber auch mit Badelatschen und geschlossenen Augen machbar sein. OK, es bleiben dann immer noch ein paar Fragen offen:

  • Kommt mein Ego damit klar, dass ich nicht mehr sagen kann, dass ich einen roten Boulder geschafft habe?
  • Motiviert es mich noch, wenn ich “nur” einen Boulder geschafft habe?
  • Wie kann ich dann meine Leistung mit anderen Vergleichen?
  • Muss ich meine Leistung mit anderen Vergleichen?
  • Kann ich meine Leistung mit anderen vergleichen?
    (160 cm vs. 186 cm, 60 kg vs. 85 kg?)
  • Machen mich Bewertungen besser, weil ich motivierter an “schwere” Boulder gehe?
  • Oder werde ich besser, wenn ich “unwissend” in schwere Boulder einsteige und mir die Chance gebe, sie zu schaffen?

Beim Bouldern ist natürlich das Einschätzen der Schwierigkeit leichter als beim Klettern-ich sehe ja alle Züge. Beim Klettern ist es auch eine Frage der Sicherheit, vor dem Einsteigen abschätzen zu können, mit welcher Schwierigkeit ich rechnen muss. Doch auch hier liegt die Sache nicht so eindeutig:

  • Wieso schaffe ich in einigen Hallen eine 9- onsight, während ich in einer anderen Halle Züge in einer 7 nicht schaffe?
  • Oder, wieso muss ich in jedem neuen Klettergebiet ca. einen Grad Leistung abziehen?
  • Was, wenn in der 7 aus dem Führer ein oder mehrere Schlüsselgriffe ausgebrochen sind?
  • Kommentar in einer Kletterhalle zu einer 5: Das ist mindestens (!) eine 5+!
  • Sind 40 Züge im 6er Bereich hintereinander genauso eine 6 wie 10 Züge?
  • Kann ich eine 5.12a, wenn ich eine fb 7b+ bouldere und eine 8- UIAA rotpunkte?

Ich bin immer noch nicht sicher, wie viel Schwierigkeitsbewertung und -diskussion ich brauche, bzw. mir gut tut. Wie sind Deine Erfahrungen damit?

Category: Klettern, Klettertechnik, mentales, Motivation

Comments (5)

Trackback URL | Comments RSS Feed

  1. leon says:

    Ich finde, das was beim Klettern am meisten Spaß macht sind doch die Schwierigkeitsgrade ;)
    immer wenn man ne Route klettert die sonst keiner klettern kann : aufwerten
    Ansonsten, wenn man eine leichte Route klettert, die andre grad noch schaffen: abwerten :D

    spaß beiseite, ich finde man braucht die grade einfach um sich in der halle am felsen orientieren zu können..
    aber manchmal ist es hilfreich den Grad nicht zu wissen jedenfalls wenn die Route hart für einen ist..
    meine erste 8- bin ich auch unwissend eingestiegen

  2. Willy says:

    Ich weis echt nicht wie man mit den Graden so ein Problem haben kann. Der grad einer Router oder Boulder Problems folgt aus der Meinung aller die das Ding klettern konnten. Ziemlich Demokratisch halt.
    Aber eben nicht ganz weil die Meinung eines von vielen “geachteten” Kletterers meist mehr zählt.
    Nur Diskussionen kann man sich immer sparen. jeder sagt seine Meinung und PUNKT aus. Diese sind verdammt leidig und werden vor allem von Gelegenheitskletterern angezettelt. Im Plastik dann auch gerne bei Routen im sechsten Grad.
    Hallenbetreiber verstehe ich jetzt aber voll und ganz wie ihnen das Thema leidig ist.

    Mein Tip dazu:
    + niemals diskutieren
    + die Grade nicht so ernst nehmen sondern die gewählte Route als Herausforderung sehen nicht den Grad
    + mehr klettern

  3. Das leidliche Thema.
    Ich “mag” sowohl beim Bouldern, aber noch mehr beim Klettern einen Anhaltspunkt auf was ich mich da einlasse. Aber letztlich ist es halt subjektiv. Dem einen fällt diese Art Route leichter als anderen, Grösse und Kraft entscheiden zum Teil … Meist kann man von unten ja schon einschätzen, was einen erwartet, wenn man den Schwierigkeitsgrad kennt. Eine 6 und eine 8 entscheiden sich meist doch ziemlich.

    • Tommi says:

      Die Diskussion ist leidlich. Und in der Halle auch überflüssig. Am Fels, ok – man will sich vergleichen.
      Aber entscheidend ist für mich folgende Frage: Wieviele Touren kommt man in welchem Schwierigkeitsgrad wie locker hoch?
      Und wenn ich 10 Touren in einem Grad geflasht habe, dann ist es mir sowas von egal, ob die eine oder andere schwerer oder leichter ist. Wenn ich dagegen ein halbes Jahr zu einem Boulder hingerannt bin, weil er eigentlich zu schwer war, dann sollten andere die Bewertung bestätigen oder eben nicht und dann wird der Name des Boulders auf einmal interessant.

      Und noch was: gerade Anfänger bzw. Jugendliche, die sich noch stark steigern, aber einige deutliche Defizite in der Technik haben (und dies aber noch nicht erkannt haben), diskutieren besonders gerne über Schwierigkeiten. Je kompletter man wird und je mehr Erfahrung man gesammelt hat, umso genauer kann man zum einen Schwierigkeiten einschätzen aber umso weniger wichtig nimmt man auch das Thema.

      • klettervirus says:

        Danke für den Hinweis Tommi!
        Ich habe in diesem Zusammenhang auch oft erlebt, dass die “körperlich starken” Jungs öfter aus leichten Bouldern fallen und dann laut meckern, dass die Route/der Boulder zu hart ist. Dabei würde eine Prise Technik aus dem “harten Brett” einen wunderschönen und auch körperlich nicht so fordernden Boulder machen. Kennst das ja: “Fehlende Kraft wird durch mangelnde Technik kompensiert!”

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *