Das “Flow-Erlebnis” beim Klettern = besser und intensiver Klettern

Klettern im Flow

Klettern im "Flow"


Das “Flow-Erlebnis” wurde als Begriff definiert und in seiner Auswirkung untersucht von Mihali Csikszentmihalyi (er heißt echt so). Er hat festgestellt, dass viele Sportler (besonders Extrem- und Leistungssportler) von ähnlichen herausragenden Erlebnissen berichten, wenn sie Höchstleistung vollbringen.  Sie erzählen über Zustände, die  geprägt sind von Gefühlen “..ohne Mühe…”, “…von Sicherheit und Glück erfüllt…” und “…mit veränderter Zeitwarnehmung…”.

Und so hat er angefangen, diese Zustände unter dem Begriff des “Flow-Erlebnisses” zusammenzufassen und systematisch zu untersuchen. Mittlerweile sind dabei sehr interessante Ergebnisse mit praktischer Bedeutung und Anwendbarkeit herausgekommen.

Flowerlebnisse sind zutiefst glückserfüllte Zustände, Csikszentmihalyi spricht sogar von einem “positiven Suchtpotential”. Außerdem sind Flowzustände leitungssteigernd! Ich vermute, dass Klettern eine sehr “flow-affine” Sportart ist, dass also Flowzustände beim Klettern leicht und häufig hervorgerufen werden können.

Welche Voraussetzungen braucht ein “Flow-Erlebnis”?

  • Die Tätigkeit hat deutlich definierte Ziele, deren Erreichen während der Tätigkeit deutlich werden. (= Beim Klettern ist das Ziel klar, über Erfolg und Misserfolg besteht kein Zweifel.)
  • Die Tätigkeit ist “autotelisch”, sie hat also keinen weiteren Zweck als sich selbst. Die Belohnung für die Tätigkeit erwächst direkt aus der Tätigkeit. (= Warum steigen wir auf Berge? Weil sie da sind!-Es gibt keine andere oder bessere Rechtfertigung für´s Klettern, der Erfolg ist das Erreichen des Zieles)
  • Die Anforderung steht in einem ausgewogenen Verhältnis zu der Aufgabe, es besteht keine Langeweile oder Über-/Unterforderung. (= Flowerlebnisse beim Klettern passieren nur in Routen, die mich “machbar fordern”)
  • Alle meine Handlungen haben eine direkte, spürbare Auswirkung. (= Das ist beim Klettern/Bouldern definitiv so. Dieser Aspekt findet seinen “Höhepunkt” in den umstrittenen Free-Solo Begehungen)
  • Neueste Flowuntersuchungen bei Kanufahrern brachten den Aspekt des “Auseinandersetzens mit Natur/Kräften und Elementen” in den Vordergrund (=Hey, wir Klettern an FELSEN! ;-) )

Die gerade angesprochenen Free-Solos sind eine der umstrittensten Spielarten des Kletterns. Alle Protagonisten dieses “kalkulierten Wahnsinns” beschreiben ihre Begehungen als extreme Flowerlebnisse. Diese zeichnen sich folgendermaßen aus:

  • Das Gefühl absoluter Kontrolle
  • Ein müheloses, völlig sinnerfülltes Gefühl des Handelns
  • Verlangsamte Zeitwahrnehmung
  • Das Verschmelzen von Handlung und Bewusstsein
  • Das Verschwinden der “Angst” und Sorgen um sich selbst
  • Ein absolutes Glücksgefühl, das Gefühl “dass alles Sinn macht”

Wer sich mit diesen Begriffen noch kein Gefühl des Flow-Erlebnisses vorstellen kann, der denke bitte mal an Sex ;-) Der Orgasmus ist ein Paradebeispiel für ein Flowerlebnis.
Hier denken wir nicht mehr an unsere Umgebung; Handeln und Erleben verschmilzt zu einer sinnvollen Einheit. Nichts lenkt ab, jede Bewegung ist sinnstiftend…….

“Flow ist das Glück, auf das man Einfluß hat”. Jeder, der dieses Flowgefühl einmal gespürt hat, will es wieder erleben. Sportler im Flow erkennt man daran, dass ihnen scheinbar alles gelingt. Tennisspieler treffen jeden Ball, Kletterer machen scheinbar mühelos jeden Zug perfekt richtig. Flow ist absolut leitungssteigernd und eine riesige Motivation für die Tätigkeit, durch die man sie erfahren hat.

Wie kommt man in den Flow/wie kommt man nicht in den Flow?

Eines vorweg: Es ist definitiv nicht notwendig, sich in Lebensgefahr zu begeben, um in den Flow zu kommen! Die Free-Solo-Kletterer sind hier nur als extremes Beispiel zu sehen. In der extremen Darstellung werden die Zusammenhänge deutlicher. (Ich persönlich finde free-solo sehr zwiespältig und möchte keine Werbung dafür machen. Der Begriff des Flows kann jedoch den Reiz dieses extremen Verhaltens erklären.)
Das Erreichen des Flows ist ritualisierbar und kann geübt werden. Gerade, wenn Du das Gefühl hast, “nicht in Deiner Mitte zu sein”, hilft ein gezieltes Streben nach dem Flow, denn Flow ist die Definition von “in der Mitte sein”….Folgende Aspekte können Dir helfen, diesen Zustand so oft wie möglich zu erreichen. Es ist keine Anleitung, gibt aber Anregungen.

  • Überforderung und Unterforderung verhindert per Definition Flow. Routen sollten “machbar fordern”, nicht frustrieren. Auf der Suche nach dem Flow hilft keine Projektroute, die Du ausbouldern musst. Aber im Flow kann Dir dieses Projekt vielleicht gelingen.
  • Ablenkung verhindert Flow. Wenn Dein Bewusstsein bei dem Kindergeburtstag nebenan ist, wird sich kein Gefühl des völligen Zusammenspieles von Körper und Geist einstellen. Konzentrier Dich, oder geh woanders hin. Ärgere Dich nicht ;-)
  • Dabei hilft es z.B., sich beim Klettern in leichten Routen auf einen speziellen Aspekt der Füße zu konzentrieren. Versuche als Beispiel, in einer positiv nach vorne geneigten Platte völlig ohne Hände zu klettern. Die Tätigkeit muss Deine  vollkommene Konzentration fordern. Ohne Dich zu überfordern!
  • Flow ist durch eine Synchronisation von Atmung, Bewegung, Herzschlag und Blutdruck charakterisiert. Bei Pressatmung, gestresster Atmung, falscher Bewegungsgeschwindigkeit u. a. ist in Flowzustand nicht möglich.
  • Die Tätigkeit muß “spielerisch” sein. Angst vor Fehlern, Leistungsdruck, äußerer Druck usw. ist hinderlich.

Klettern bietet erkennbar alle Voraussetzung für das Erleben von Flow. Berichte von Free-Solo Kletterern lassen immer erkennen, dass eine Sucht nach dem Flow mindestens zum Teil mit ein Grund für das Tun ist. Ebenso fällt auf, dass viele Höchstleistungen im Klettersport nur durch Flowzustände erreicht wurden. Wer kennt sie nicht, die Durchstiege von Routen, nachdem man eigentlich gar nicht ernsthaft einen Versuch starten wollte, sondern nur ein wenig locker geklettert ist, und dann wie im Rausch doch durch das Ding steigt (Berichte hierzu gibt es viele). All das zeigt, dass wir den Flow wollen!!!

Mehr Informationen zum Thema Flow hier: www.youtube.de (Suche nach “mihaly csikszentmihalyi”)

Dieser Artikel ist keine Doktorarbeit, einige Stellen sind gegutenbergt! Aber nur maximal einzelne Sätze ;-)

Welche Erfahrungen hast Du mit dem “Flow” beim Klettern gemacht? Wie kommst Du “rein”? Wir freuen uns über Kommentare:

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Category: Klettern, Klettertechnik, mentales, Motivation

Comments (3)

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  1. Alena Markus says:

    This activity is exciting but can also be dangerous at the same time. I myself is scared of heights and I do not want to try this activity. But I love watching them climb on the wall.

  2. Hendrik Köppen says:

    oh ja, free solo kann süchtig machen … und doch ist es nicht so, daß ich es empfehlen würde. Mein erster solotrip wäre fast schiefgegangen, ich hatte mich schon aufgegeben, was dann wohl auch der Grund dafür war, es dann doch geschafft zu haben, im Flow.
    Es gab ne Zeit, da bin ich öfter mal alleine geklettert. Und immer! kam ich auch in den flow. Das Wichtigste dabei aber ist, daß ich es nicht geplant hatte. Völlig spontan, ohne vorher auch nur daran gedacht zu haben, hat es mich erfaßt: hier muß ich hoch! Und darunter waren auch nicht wenige on sight’s, die creme de la creme :-)) Beim Seilklettern ist es ja ähnlich, ihr habt es ja auch geschrieben: zweckfrei, ohne Vorsatz, einfach nur mit dem Fels verschmelzen … Irre, was dann auf einmal ganz einfach geht.
    Danke für den tollen Beitrag und die Erinnerung an das Erlebte :-)

  3. Clara Clette says:

    Ich hatte letztens wieder so ein Erlebnis. Ich wollte eigentlich IK Training an einem meiner Projekte machen, also höchstens drei sehr schwere Züge. Eh ich mich versah bin ich den Boulder durchgestiegen. Auf einmal war es alles ganz leicht und die Bewegungsabfolge gänzlich logisch. Als ich aus dem Boulder kam gratulierten mir ein paar Leute zum Durchstieg, denn ich wäre die erste Frau, die diesen Boulder geschafft hat. Wäre, denn leider hatte ich den ersten Zug weggelassen, denn ich wollte ja eigentlich nur trainieren und nicht durchsteigen. Habs dann natürlich noch ein paar mal versucht, aber es wollte nicht mehr klappen.

    Aber er ist bald fällig.

    Ich wünsche Euch ganz viel Spaß morgen beim Hard Moves. Ach, ich wäre so gerne dabei.

    Gruß, Clara

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